Abwesenheit der Amerikaner prägt die Märkte

Gestern konnte ich ein langes Gespräch mit einer befreundeten Marktanalystin in den USA führen, die privat arbeitet und der man deshalb aus politischen Gründen nicht den Mund verbieten kann. Sie brachte in Bezug auf den USDA-Flächenbericht von vor einer Woche noch einen weiteren hochinteressanten Punkt ins Spiel. Sie sagte mir, dass es durchaus denkbar sei, dass der USDA-Bericht in der bislang bekannt gewordenen Ausprägung ein Zeichen des guten Verhandlungswillens seitens der USA an China gewesen sein kann. Dass beide Parteien weiterhin miteinander informell im Gespräch sind, dürfte außer Frage stehen, und es sei deswegen denkbar, dass die USA den Chinesen bewußt eine internationale Billigkaufgelgenheit verschaffen wollten, um die diplomatischen Räderchen zu schmieren. Klingt gewagt und irgendwie verschwörungstheortisch, aber kann man es vollkommen ausschließen?

Kommen wir zu Miss Piggy und den "Schweinen im Weltall", nein zu den "Phantomschweinen in China" natürlich:

Ein Phantomschwein ist kein Gespenst, das seinen Metzger nächtens in Alpträumen heimsucht, um sich für seine Schlachtung zu rächen, sondern Phantomschweine verdanken ihre Existenz dem chinesischen Versicherungswesen.

Was hat es damit auf sich? Die Antwort ist ein groß angelegter Versicherungsbetrug. In der Provinz Sichuan wird nun versucht, die Kette der Korruption zu zerreißen. Im Kern geht es darum, dass die Beteiligten die staatlich geförderte Tierseuchenversicherung für tote Schweine in Anspruch nehmen, die es niemals lebend, geschweige denn tot, gegeben hat. Seit 2007 gibt es in China die Möglichkeit für die Landwirte, sich gegen Tierseuchen zu versichern. Zuerst ging dies nur bei Muttersauen, aber man hat den Versicherungsumfang irgendwann auch auf Mastschweine ausdehnen können. Das Programm soll im Falle einer Seuche, den individuellen Betrieb vor dem Bankrott schützen und gleichzeitig die Schweinebestände in China stabilisieren. Der Staat trägt die Hauptlast der Versicherngsprämien (80%).

Im Zuge der ASP ist dies schwierig geworden. Und es gibt fast keine verlässlichen Quellen, die über den Missbrauch des Systems berichten. Nur dann und wann dringen Informationen nach außen. Die ASP hat das Problem natürlich verschärft und dürfte die Versicherungen einer echten Belastungsprobe unterziehen. Im Zuge der Überprüfung von asp-basierter Schadensansprüche wurden Versicherungsnehmer überprüft, und man stieß sofort auf Unregelmäßigkeiten, die ausreichend Anlass boten, den Überprüfungsumfang erheblich zu erweitern. In Sichuan stieß man auf systematischen Versicherungsbetrug seit mindestens 2016. Man verglich die entsorgten Kadaver mit den Produktionszahlen und den Schadensanmeldungen - erhebliche Diskrepanzen im Zahlenmaterial waren die Folge.

Die Offiziellen in der Provinz Sichuan skizzierten den Musterbetrugsfall folgendermaßen. Der Tierarzt hat in Zusammenarbeit mit Verwandten, Tierbestände auf dem Papier erfunden und zur Versicherung angemeldet, die es niemals gab. Dann brach im Phantombestand und auf dem Papier eine Seuche aus, die der Tierarzt bestätigte, und dann gingen die Schadensersatzansprüche ihren Lauf. Und jetzt, als wirklich eine Seuche durchs Land zieht (ASP), flog die Nummer auf, und die Beteiligten bekommen ihre Strafe.

Und an was muss uns das erinnern? An die Ballade "Die Vergeltung" von Annette von Droste-Hülshoff.

Nach einem Schiffbruch gibt es zwei Überlebende, ein Gesunder und ein Kranker. Der Kranke kann sich an einem Balken festhalten, aber der Gesunde drückt ihn unter Wasser und ertränkt ihn, um sich selbst an den Balken zu klammern. Er wird von einem vorbeifahrenden Piratenschiff gerettet.

Monate später strandet das Piratenschiff, und die aufgebrachte Bevölkerung, die unter den Seeräubern zu leiden hatte, macht kurzen Prozess. Eilig wird ein Galgen am Strand zusammengezimmert. Der damals Gerettete beteuert, kein Pirat zu sein, aber es hilft ihm nichts - er wird auf den Galgen geführt. Mit der Schlinge um den Hals geht sein letzter Blick auf den Querbalken des Galgens, und er liest den eingeschnitzten Schriftzug "Batavia 510" - der Name des Schiffes, mit dem er vor Monaten Schiffbruch erlitt.

Da war er wieder, der Balken, an den er sich einstens klammerte.

Winnipeg: Canola fehlte es gestern an Orientierung. Die Amerikaner hatten ihren Nationalfeiertag und ließen die Börsen deshalb geschlossen. Entsprechend mager war der Canolahandel in Winnipeg. Preislich ging es bergab. Dabei wurde die Marke von 450,- Can$/to im November durchbrochen. Fundamental gab es nichts Neues. Es ist nicht nötig, nochmals darauf hinzuweisen, dass die Kanadier wegen des Handelsstreites mit China auf einem großen alterntigen Haufen Raps sitzen, der die Preisrallyes begrenzt.

Matif: Raps an der Matif scherte das alles nicht, wir stiegen an! Die bärischen Probleme der Kanadier sind auf uns nicht anwendbar. Außer den eiserenen haben wir keine Bestände, und die neue Ernte wird klein ausfallen (ca. 18 mio to). Die Ukraine kann aber die gerissene Produktionslücke durch Ausfuhren zu uns schließen - wenigstens zu einem Großteil. Am anderen Ende der Welt sitzen die Australier auch nicht untätig auf ihrer Landmasse, sondern sie bauen dort ebenfalls Ackerfrüchte an. Ein Teil davon ist Raps, und ein Teil davon wird nach Europa fließen.

Aber damit ist die Kuh noch nicht vom Eis! Hierzulande fragt man sich, wie der Raps wohl alsbald dreschen wird. Die Gerste kommt generell ausgesprochen gut, aber das muss bekanntlich nichts heißen, denn Raps war, ist und bleibt eine pflanzenbauliche Wundertüte, die noch stets zu überraschen wußte.

Am Kassamarkt herrscht Abgabeflaute. Nirgends bläst ein Lüftchen, das die Segel blähen könnte.

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